Rezension: Die Frau mit dem roten Tuch

Die Frau mit dem roten Tuch - Jostein Gaarder

Beschreibung des Verlages:
Spannend und philosophisch
Was ist die Welt? Was ist ein Mensch? Als Studenten waren Solrun und Steinn ein Liebespaar. Sie lebten zusammen und unternahmen Ausflüge, wenn Solrun wieder einmal traurig war. Dann bringt ein rätselhafter Unfall die beiden auseinander: Haben sie die geheimnisvolle Frau mit dem roten Schultertuch bei einem ihrer Ausflüge überfahren? Erst Jahrzehnte später werden sie sich der Frage möglicher Schuld stellen ...

Meine Meinung:
"Ich frage: Was ist die Welt, Steinn? Was ist ein Mensch? Und was ist dieses Sternenabenteuer, in dem wir als kleine Zauberperlen aus Bewusstsein herumschwimmen?"
S. 92

Dieser Roman ist ein Brief-, respektive E-Mail-Roman. Dies kann man mögen oder nicht, mir sagt es allerdings sehr zu.
In "Die Frau mit dem roten Tuch" prallen zwei Welten aufeinander. Solrun, Mutter und Ehefrau, liebenswürdig, gläubig und sehr intelligent, sieht ein rätselhaftes Ereignis aus der Vergangenheit komplett anders als der belehrende, intolerante Naturwissenschaftler Steinn. Verständlich also, dass ihre damalige Jugendliebe zerbrochen ist, als eben genau dieses Rätsel, dieses Geheimnis in ihr Leben getreten ist.
Hier geht es aber um viel mehr, als diese sonderbare Geschichte. Es geht darum, andere Meinungen stehen zu lassen, sich einzufühlen, zu versuchen, die Wahrnehmung seiner Mitmenschen nachzuvollziehen und vor allem um diese Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht immer erklärt werden können und wollen. Ist es wichtig, recht zu haben? Ist es wichtig, andere Menschen von seinem Standpunkt zu überzeugen? Oder ist es nicht viel wichtiger, offen zu sein für andere Ansichten, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind und sich auf das Mystische und Rätselhafte einzulassen? Ist das Leben nicht viel zu kurz, um stur zu beharren, die Ansichten eines Menschen wichtiger zu werten als seine Charaktereigenschaften und die Zeit mit den Liebsten mit sinnlosen Diskussion zu verschwenden?
Dieses Buch zeigt mögliche Antworten auf diese und weitere Fragen auf. Es stellt aber vor allem auch die Frage nach Sinn und Unsinn des Ausspielens von Spiritualität und Ratio. Ist es also möglich, dass jeder noch so absurde Glaube einem Menschen gelassen werden soll, wenn er diesem Menschen hilft? Denn obwohl ich inhaltlich aus einer guten Mischung zwischen Solruns und Steinns Ansichten bin, so verurteile, ja verabscheue ich zutiefst Steinns rechthaberische und arrogante Art.

Schreibstil und Handlung:
Mitreissend und immer fesselnder kommen die spirituelle, sehr beliebte und einfühlsame Solrun und der sehr rationale, arrogante und belehrende Steinn einander nach Jahren der Funkstille wieder näher. Einst waren sie ein Liebespaar. Nach einem rätselhaften Ereignis und aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Weltanschauungen, respektive vor allem aufgrund Steinns Intolleranz Solruns Überzeugungen gegenüber, trennten sich ihre Wege damals auf schmerzliche Weise.
Eine plötzliche Begegnung nach Jahrzehnten lässt sie wieder Kontakt zueinander aufnehmen und ihr Schweigen über die damaligen Ereignisse brechen.
Und so nähern sie sich in ihren emotionalen, philosophischen und hochinteressanten E-Mails wieder langsam einander an. Während Solrun dabei zwar gläubig und spirituell ist, bleibt sie dennoch offen für andere Anschauungen, offen für Mystik, aber auch für rationale Erklärungen.
Steinn hingegen gibt sich bestenfalls gönnerhaft und steigt nur mit einem Fuss von seinem hohen Ross herunter. Solrun schüttet also ihr Herz aus, zweifelt, hinterfragt, legt ihre Abgründe und ihren Schmerz offen und Steinn...ach Steinn. Er verbirgt sich hinter wissenschaftlichen Erklärungen und Theorien, lässt seine Gefühle lange aussen vor und legt damit offen, dass die träumende, positive Solrun wirklich besser leben kann ohne ihn, den ewigen Skeptiker und Besserwisser.
Ihr seht, ich mochte Steinn so gar nicht. Trotzdem ist er wichtig, seine Figur zeigt sehr gut auf, was dieses Buch sagen will.
Mit einem deutlichen Unterschied im Schreibstil und der Schrift wird immer klar, wer gerade "spricht", was meiner Meinung nach sehr gelungen ist. Gaardners Sprache ist tiefgründig, philosophisch und immer wieder zum Nachdenken anregend. Und so wurde ich gefesselt, mitgerissen und vom grandiosen Ende überrascht und überzeugt.

Meine Empfehlung:
"Die Frau mit dem roten Tuch" ist kein leichtes Buch. Im Gegenteil. Es liest sich zwar flüssig, regt aber zum Nachdenken an. Und vor allem das Ende und das sehr spezielle Geheimnis, das immer wieder zum Thema wird, hallten noch lange in mir nach.
Gerade deswegen aber ist dieses Buch ein aussergewöhnliches Leseerlebnis, das sich definitiv lohnt.

Zusätzliche Infos:
Titel: Die Frau mit dem roten Tuch
Originaltitel: Slottet i Pyreneene
Autor: Jostein Gaarder, am 8. August 1952 in Oslo geboren, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft in seiner Heimatstadt und unterrichtete danach zehn Jahre lang als Lehrer Philosophie an Schulen und in der Erwachsenenbildung. Daneben schrieb er Romane und Erzählungen für Erwachsene und Kinder. 1982 debütierte er mit der Novelle ›Katalog‹, 1986 erschien sein erster Erzählband für Erwachsene, 1987 das erste Kinderbuch. Nach seinem Welterfolg mit ›Sofies Welt‹ 1993 konzentrierte er sich ganz auf das Schreiben. ›Sofies Welt‹ wurde mittlerweile in 54 Sprachen übersetzt und wurde zu einem Weltbestseller. 1999 wurde das Buch verfilmt. Heute lebt Jostein Gaarder mit seiner Frau Siri, einer Theaterwissenschaftlerin, und seinen zwei Söhnen in Oslo.
Taschenbuch: 224 Seiten
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Norwegisch
Übersetzt von: Gabriele Haefs
Verlag: dtv
Erschienen:
ISBN: 978-3-423-14058-4

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