Rezension: Dunkelgrün fast schwarz

 
Dunkelgrün fast schwarz - Mareike Fallwickl

Beschreibung des Verlages:
Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert. Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht. Mareike Fallwickl erzählt von Schatten und Licht, Verzweiflung und Sehnsucht, Verrat und Vergebung. Ihr packendes Debüt bringt alle Facetten der Freundschaft zum Leuchten, die Leidenschaft, die Sanftheit – und die Liebe, in ihrer heilsamen, aber auch funkelnd grausamen Pracht.

Meine Meinung:
Normalerweise lasse ich die Hände von Büchern, die einen Hype auslösen. So lange, bis sich der Hype beruhigt hat. Bei diesem Buch konnte ich mich nicht zurückhalten und ich wurde belohnt. Denn alles, was über dieses Buch gesagt und geschrieben wurde, ist wahr (mit Ausnahme der Aussage, dass das Ende nicht passen würde, das stimmt überhaupt nicht, das Ende passt perfekt, es ist sogar so, dass ich mir für dieses Buch gar kein anderes Ende hätte vorstellen können).
"Dunkelgrün fast schwarz" ist fordernd, laut, schmerzhaft, manchmal unangenehm. Und die Gefühle und Abgründe sind so unbarmherzig direkt und mitten ins Herz hinein beschrieben, dass man gar nicht anders kann, als berührt zu werden. 
In schillernden, sanften, schrillen und schmerzenden Farben sieht Motz die Menschen und erkennt ihr Innerstes manchmal besser, als sie selber. Seine sensible und auch ein wenig naive Art lassen ihn aber so sehr an das Gute im Menschen glauben, dass er nur mit einem Kohlestift auf Papier erfassen kann, was er wirklich fühlt. Klar, dass dies ausgenutzt wird, von Raf, einer Figur, für die man nur Abscheu und Faszination zugleich empfinden kann und weil Jo das Duo zu einem Trio macht, weil alle älter werden und die Verletzungen damit auch grösser und tiefer und weil es Marie nicht mehr immer gelingt, die Fäden zusammenzuhalten, wird das Chaos perfekt.

Da sind also zuerst Motz und Raf, Anhängsel und Anführer, da sind Gewalt, Freundschaft, Familienzwiste und ein Gefühl von Macht und Ohnmacht. Immer wieder erfahren wir auch die Sicht von Marie, der Mutter von Motz, die so lange schon wusste, wie alles enden würde, aber immer weggeschaut hat. Ausserdem springt die Geschichte zwischen den einzelnen Figuren und Jahren hin und her. Und dann kommt Jo ins Spiel und die Geschichte wird komplizierter. Denn jetzt geht es auch um Liebe, um Verrat, um Selbstzerstörung. Vielleicht um Hass.
Und auch wenn es immer wieder um Schuld geht und um Unschuld, um die Tatsache, dass ein Hinsehen vielleicht besser gewesen wäre als ein Wegschauen, so geht es doch am Ende immer um die Kraft, die fehlt, damit sich wirklich etwas ändern kann. Die Kraft, sich von jemandem loszusagen, die Kraft, treu zu bleiben oder sich ganz zu trennen, die Kraft, gar nicht erst anzufangen mit dem Betrug, dem Verrat, mit den Lügen und die Kraft, den Mund aufzumachen, bevor alles zu spät ist. Und warum fehlt diese Kraft? Weil alle Figuren, auch die, welche eher glücklich sind und sich auf eine eigensinnige Art und Weise mit ihrem Leben arrangiert haben, gelähmt sind von einer Dunkelheit, von einer Angst und von einem erstickten Zorn auf die eigene Situation und die Macht der anderen und auf diesen verdammten Ort, an dem alle über alle sprechen und an dem alles seinen Anfang nimmt.

Meine Empfehlung:
Die Kunst der Autorin Mareike Fallwickl besteht nicht in erster Linie darin, eine Geschichte aus mehreren Perspektiven, mit Rückblenden und Zeitsprüngen, so zu erzählen, dass plötzlich alles zusammenpasst, dass alles Sinn macht. Und dass man sich auf den letzten Seiten an die ersten Seiten erinnert und ein Lächeln im Gesicht hat. Und die Kunst besteht auch nicht in erster Linie darin, dass jede Figur für sich so einen eigenen Charakter hat, dass Jo, Motz und Raf so verschieden denken und fühlen, als wären sie von unterschiedlichen Autoren geschaffen worden. Obwohl das schon so viel ist, mehr als andere Bücher zuweilen bieten können (leider), dass dies allein vielleicht sogar schon ausreichen würde. Aber nein, Fallwickl toppt dies noch. Sie schreibt nicht nur eine grandiose und mitreissende Geschichte voller Figuren, von denen man ausgehen muss, dass es sie gibt (wie sonst hätten sie so fesselnd beschrieben werden können). Nein, sie erzählt dies alles und auch alles, was zwischen den Zeilen steht, in einer Sprache, für die es keine Worte gibt. Es gibt darum keine Worte, weil Mareike Fallwickl alle Worte, denen eine aussergewöhnliche Kraft und Härte und Derbheit und Verletzlichkeit und Ästhetik innewohnt, schon verwendet hat, sie stehen alle in diesem Buch. Lest es. 

Zusätzliche Infos:
Titel: Dunkelgrün fast schwarz
Autorin: Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren, arbeitet als freie Texterin und Lektorin, schreibt für eine Salzburger Zeitung eine wöchentliche Kolumne und betreibt seit 2009 einen Literaturblog.
Für ihr literarisches Debüt »Dunkelgrün fast schwarz« erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Bundeskanzleramts Österreich. Mareike Fallwickl lebt im Salzburger Land.
Fester Einband mit Schutzumschlag: 480 Seiten
Sprache: Deutsch
Erscheinungstermin: 2018
ISBN: 9783627002480

Rezension: Ayda, Bär und Hase

 
Ayda, Bär und Hase - Navid Kermani

Beschreibung des Verlages:
Navid Kermani erzählt in seinem ersten Kinderbuch von Toleranz und der Überwindung von Vorurteilen?– aber vor allem von echter Freundschaft!
Ayda ist erst fünf, aber sie kann schon eine ganze Menge: Gedichte aufsagen, sich alleine anziehen, Persisch und Deutsch sprechen, ohne Stützräder Fahrrad fahren. Trotzdem nehmen Lisa und Paul aus dem Kindergarten sie nie mit, wenn sie unterwegs sind. „Knirps“ nennen sie Ayda, weil sie so klein ist. Also zieht Ayda eines Tages allein los und trifft auf den Hasen und den großen Bären. Die beiden haben Angst vor den Menschen, weil man sie nicht ernst nimmt oder sogar fürchtet. Doch auf Ayda lassen sie sich ein. Gemeinsam entdecken die drei, wie aufregend die Welt ist, und schon bald verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Da sind sie nur noch selten „üzüntülü“ – traurig. 

Meine Meinung:
Wie bereits HIER geschrieben, sind Kinderbücher bei mir gerade hoch im Kurs. Aus diesem Grund wollte ich neben einer zeitlosen Tiergeschichte auch noch unbedingt ein Kinderbuch lesen, das Integration, Respekt und Einsamkeit zum Thema hat. Klar, diese Themen sind omnipräsent und - ganz ehrlich - auch schon ein wenig zu oft im Fokus, aber man will ja schliesslich wissen, was der aktuelle Trend ist, damit man sich damit arrangieren kann.
Mit "Ayda, Bär und Hase" habe ich ein Buch gefunden, das sich aber mit genau diesen Themen nicht einfach befasst, sondern sie so natürlich einfliessen lässt, dass sie keineswegs plakativ und aufgesetzt wirken. Genau so also, wie ich das mag. Und alleine schon dafür haben der Autor und der Illustratur ein grosses Lob verdient.
Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir die in sich logischen Verknüpfungen der einzelnen Figuren. Nur ein kleines Beispiel: Wenn Hasen Bären zum Essen einladen wollen (in ihre kleine Höhle), gibt es zwangsläufig einige Probleme... Darauf und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Charakterzüge der Menschen und Tiere haben Navid Kermani und Karsten Teich grosse Rücksicht genommen. Dass der Autor Kermani auch noch seine grosse Liebe zum Fussball eingeflochten hat, war für mich besonders unterhaltsam und äusserst charmant.

Schreibstil und Handlung:
"Ayda, Bär und Hase" ist ein Buch, das für Toleranz plädiert, die Familie und die Freundschaft ins Zentrum stellt und von mutigen Menschen, ängstlichen Bären und "alten" Hasen erzählt. Der Erzähler richtet sich dabei immer wieder an die (jungen) Leser und dies geschieht sehr einfühlsam und mit ganz viel Humor. Trotzdem werden auch die Wehmut, die Angst und die Einsamkeit thematisiert und danach ebenfalls sehr eindrücklich aufgezeigt, wie die unterschiedlichen Protagonisten miteinander und mit den gegebenen Umständen umgehen.
Besonders herausheben will ich dabei die Gespräche zwischen Ayda und ihrem Vater. Die sind einfach nur herzergreifend schön zu lesen und erinnern an meine Kindheit, in denen auch jeweils mein Vater für die Gutenachtgeschichte und das Gutenachtritual zuständig war.
Von der Handlung her steht zwar die sehr kleine Ayda im Zentrum. Dadurch aber, dass ganz verschiedene Themen, Lebenssituationen und eben auch Tiere vorkommen, ist dieses  Buch keinesfalls ein Buch nur für Mädchen (oder auch nur für Jungs, es ist einfach komplett neutral). Dies finde ich persönlich immer sehr wichtig, kommen die Kinder doch jeweils früh genug mit dem klassischen - und veralteten - Rollendenken in Berührung.

Meine Empfehlung:
Ich empfehle dieses wunderschöne und auch ein wenig bittersüsse Kinderbuch von Herzen an Kinder und Erwachsene weiter, die auf die Abenteuer von drei unterschiedlichen Freunden gespannt sind, gerne ein wenig Persisch (und Türkisch) lernen wollen, deren Herz für Fussball schlägt und die ab und an ein wenig  „üzüntülü“ – traurig sind.

Zusätzliche Infos:
Titel: Ayda, Bär und Hase
Autor: Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt in Köln. Für sein literarisches und essayistisches Werk erhielt er unter anderem den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis, 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und zuletzt den ECF Princess Margriet Award for Culture 2017. Außerdem wurde er mit dem Staatspreis des Landes NRW 2017 ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser Dein Name (Roman, 2011), Über den Zufall (Edition Akzente, 2012), Große Liebe (Roman, 2014), Album (Das Buch der von Neil Young Getöteten / Vierzig Leben / Du sollst / Kurzmitteilung, 2014) und Sozusagen Paris (Roman, 2016). Ayda, Bär und Hase (2017) ist sein erstes Buch für Kinder. Mehr unter: www.navidkermani.de 
Illustriert von: Karsten Teich
Sprache: Deutsch
Fester Einband: 152 Seiten 
Verlag: Hanser Verlag
Erscheinungsdatum: 30.01.2017
ISBN: 978-3-446-25481-7

Kinderbuchrezension: Das kleine Waldhotel Band 01

Das kleine Waldhotel, ein Zuhause für Mona Maus - Kallie George

Beschreibung des Verlages:
Mitten im schlimmsten Sturm stolpert Mona, die Maus, in die wunderbare Welt des kleinen Waldhotels. Sie hat großes Glück und kann als Zimmermädchen anfangen – und bleiben! Doch das Leben besteht nicht nur aus Eichelsoufflé und moosweichen Betten: Das Hotel und seine Bewohner sind in größter Gefahr! Bären und Wölfe haben das geheime Hotel entdeckt. Mona muss all ihren Einfallsreichtum beweisen, um den Ort zu beschützen, den sie liebt. Denn das Hotel ist mehr als eine warme Unterkunft für die Nacht: Es ist ein Zuhause.
Ein herzerwärmendes Abenteuer um Freundschaft, Mut und das Glück, seinen Platz im Leben zu finden!

Meine Meinung:
Wie schön es doch ist, wenn man für seinen Beruf in Kinderbuchläden gehen darf. Mit unserem Trio planen wir drei jungen Musikerinnen nämlich ein grosses Konzertprojekt für Kinder und Familien und da musste (und muss noch) Literatur her. Obwohl wir uns mit grosser Sicherheit für einen Klassiker entscheiden werden, weil der einfach mehr Publikum, Aufmerksamkeit und Untersützung generiert, wollten wir uns trotzdem unbedingt die aktuellen Kinderbücher ansehen, die gerade als Geheimtipps gehandelt werden. Wir marschierten also in den Kinderbuchladen unseres Vertrauens und ich schnappte mir zwei kleine Schätze unter anderem eben auch "Das kleine Waldhotel".
Besonders gut gefallen hat mir bei diesem Buch die zauberhaft schöne Aufmachung mit dem bunten und eine gemütliche Atmosphäre ausstrahlenden Schutzumschlag und den vielen liebevollen Illustrationen, die sich auf fast jeder Seite des Buches finden. Neben der Autorin Kallie George hat nämlich auch Stephanie Graegin ganze Arbeit geleistet und die Figuren so wundervoll erfasst, dass sie mit dem Text zusammen ein schönes Gesamtpaket ergeben.
Auch inhaltlich konnte mich das Buch restlos überzeugen. Die vielen Figuren sind mir schon auf den ersten paar Seiten Seiten total ans Herz gewachsen und ich kann mir sehr gut vorstellen, die nächsten Bände der Reihe auch zu kaufen, wenn sie denn übersetzt werden.

Schreibstil und Handlung:
Ganz besonders gut gefallen haben mir die klar verständlichen Sätze und die wohlige Atmosphäre, die Kallie George mit wenigen Worten geschaffen hat. Nicht nur Mona Maus fühlt sich in dem kleinen Waldhotel sofort wohl, auch ich wäre am liebsten gleich eingezogen. 
Von der Handlung her wird auf wenigen Seiten alles geboten, was eine gute Geschichte ausmacht. Es entstehen Konflikte und Freundschaften werden geschlossen, Spannung und ein wenig Angst kommen auf, aber es wird auch ausgelassen gefeiert. Ausserdem sind die vielen Tiere, die als Hotelangestellte oder Gäste agieren, sehr authentisch beschrieben und erfüllen ihre Rolle perfekt. Deshalb habe ich für dieses Buch auch nichts anderes als ganz viel Liebe und Wärme übrig.

Meine Empfehlung:
Mit "Das kleine Waldhotel" habe ich komplett ins Schwarze getroffen. Dieses Herzensbuch, in dem die Waldtiere und die zwar kleine, aber sehr kluge und mutige Mona Maus ins Zentrum gerück werden, ist liebevoll erzählt, illustriert und wunderschön aufgemacht. Ich kann dieses Buch zum Vorlesen und ersten Selberlesen nur wärmstens empfehlen.

Zusätzliche Infos:
Titel: Das kleine Walthotel, ein Zuhause für Mona Maus
Originaltitel: Heartwood Hotel - A True Home
Autorin: Kallie George
Illustratorin: Stephanie Graegin
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Karolin Viseneber
Verlag: Schneiderbuch
Erschienen am: 01.03.2018
ISBN: 978-3-505-14149-2

Rezension: Das Gefühl von Sommerblau

 
Das Gefühl von Sommerblau - Hannah Tunnicliffe

Beschreibung des Verlages:
Max wird vierzig und lädt seine Freunde in sein Haus in der Bretagne ein. Mit ihnen möchte er ein Wochenende lang tanzen, trinken und lachen. Und er will ihnen sein Geheimnis verraten … Juliette hat für ihre pflegebedürftigen Eltern ihr gefeiertes Restaurant in Paris aufgegeben. Ihre große Leidenschaft ist das Kochen und Backen. Zurück in der bretonischen Heimat braucht sie einen Neuanfang – und Max eine Köchin für seinen Geburtstag. Sie ahnen beide nicht, was das Schicksal an diesem Wochenende für sie bereithält.

Meine Meinung:
"Das Gefühl von Sommerblau" habe ich beim Bloggerporal von Randomhouse angefragt und auch bekommen. Das Cover war der Grund dafür, dass ich es sehr gerne lesen wollte.
Zuerst dachte ich mir vor der Lektüre noch, dass sich hinter diesem Titel und Cover ein leichter Sommerroman verbergen könnte. Vom Diana Verlag lasse ich mich aber immer gerne überraschen und weiss mittlerweile, dass es in den Büchern auch sehr schnell einmal dramatisch werden kann. Grundsätzlich blieb das Buch aber schön leicht und unterhaltsam und dennoch ist "Das Gefühl von Sommerblau" bittersüss, wie die Liebe und das Leben. Es lädt ein, in vergangenen Zeiten zu schwelgen und erzählt von Freundschaften, die sich mit den Jahren veränderten.
Zudem ist dieses Buch eine Ode an die französische Küche und während Juliette Gang um Gang auftischt, läuft sogar einer Vegetarierin wie mir das Wasser im Mund zusammen. Vielleicht hätte man das Buch noch mit einem zusätzlichen Kapitel und "Juliettes Empfehlungen aus der Küche" ausstatten können? Das wäre wundervoll gewesen.
Grundsätzlich habe ich "Das Gefühl von Sommerblau" sehr gerne gemocht. Leider nur war mir das Ende ein wenig zu optimistisch und zudem haben sich beim Lesen einige Längen ergeben. Wenn auch eine eher überraschende Wendung in den letzten Kapiteln die Sicht auf Helen noch einmal verändert, so war diese Wendung doch ein wenig zu angekündigt und für mich leider nicht komplett überraschend. Dennoch überwiegt die melancholische Stimmung, die so gut zu Frankreich passt und mich dieses Buch kaum mehr aus der Hand legen liess.

Schreibstil und Handlung:
Wenn sich alte Freunde zu einem gemeinsamen Wochenende treffen, wird es sentimental, tragisch, und feuchtfröhlich. Ausserdem kann die Stimmung innerhalb von Sekunden von ausgelassen zu angespannt umschlagen (und wieder zurück).
Erzählt wird von diesem Wochenende in chronologischer Reihenfolge mit Rückblenden in die weitere Vergangenheit. Dabei wechselt die Perspektive zwischen den Figuren hin und her und vor allem Juliette und Max nehmen eine wichtige Rolle in der Erzählung ein. Beide haben schwere Schicksalsschläge erlebt und während Juliette sich bereits sehr gut erholt und ein neues Leben aufgebaut hat, trauert ihr Arbeitgeber Max immer noch den alten Zeiten nach und möchte endlich aufräumen damit, was ihm aber aufgrund von seinem übertriebenen Konsum legaler und illegaler Substanzen nicht ganz so leicht gelingt.
Die Sprache hat einen wundervoll melancholischen Unterton. Es ist von Anfang an klar, dass es an diesem Wochenende nicht nur heitere Stunden geben wird und dies wird meiner Meinung nach stimmig und sehr realistisch erzählt. Kennen wir doch alle diese Situationen, wenn wir auf alte Freunde treffen: einerseits hat man noch so viel gemeinsam, vor allem natürlich die gemeinsame Vergangenheit, andererseits ist man sich auch ein wenig fremd geworden mit den Jahren, was aber nicht heissen muss, dass man an einem Ende der Freundschaft angelangt ist, sondern vielmehr an einer Entwicklung oder einem Wendepunkt.

Zwei Worte zum Lektorat:
1. In diese deutsche Erstausgabe haben sich sehr viele Fehler - namentlich Wortwiederholungen in Form von doppelten (oder komplett vergessenen) Verben im ersten und zweiten Satzteil - eingeschlichen, die ich mir nur mit vielen umgestellten und dann nicht mehr komplett korrigierten Sätzen erklären kann. Diese stören den Lesefluss immer mal wieder und passen nicht zum sonst sehr überzeugenden Lektorat des Verlages.
2. Ich wusste nicht, dass man den Gebrauch des Wortes "sanft" übertreiben kann. Kann man aber sehr wohl. Juliettes Hände sind "sanft", Nina spricht mit "sanfter" Stimme zu ihrer Tochter und "sanft" wird Rosies Gesicht, als sie den schlafenden Hugo betrachtet. "Sanft" kommt so unsanft daher, dass es auffällt, schade.
Meine Empfehlung:
Trotz einigen Längen und einem zu versöhnlichen Ende hat mir dieses Buch sehr gut gefallen, weshalb ich es gerne weiterempfehle. Wer lediglich einen luftig-leichten Sommerroman erwartet, dem wird das Buch nicht zusagen. Wenn ihr aber offen seid für ernstere Themen, dann passt dieses Buch perfekt in den Sommer.

Zusätzliche Infos:
Titel: Das Gefühl von Sommberblau
Originaltitel: A French Wedding
Autorin: Hannah Tunnicliffe wurde in Neuseeland geboren. Sie studierte Sozialwissenschaften und lebte danach in Australien, England, Macao und Kanada. Sie arbeitete einige Zeit in der Personalwirtschaft und als Karriere-Coach und wandte sich dann ihrem Traum, dem Schreiben, zu. Mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebt sie heute in Sydney, Australien.
Taschenbuch, Broschur: 336 Seiten
Verlag: Diana
Erschienen: 10.04.2018
ISBN: 978-3-453-35954-3 

Rezension: Alles begehren

 
Alles begehren - Ruth Jones

Beschreibung des Verlages:
Jeder kennt diesen einen Moment, der die Weichen neu stellt und alles verändert. Und wenn man das Leben zurückspulen könnte, dann würde man auf diesen Moment spulen – um sich anders zu entscheiden.
1985: Callum ist ein glücklich verheirateter Familienvater. Die Studentin Kate ist bildschön und gewohnt, sich das zu nehmen, was sie braucht. Sie begegnen sich – und begehren einander mit solch einer Macht, dass es ihrer beider Leben beinahe zerstört. Aber nur beinahe.
17 Jahre später treffen sie sich wieder. Das Leben hat auf den Moment der Entscheidung zurückgespult. Sie können noch einmal wählen. Doch das Leben verfolgt einen eigenen Plan.

Meine Meinung:
Dieses Buch kam im Dezember ganz unerwartet bei mir an und als ich das Rezensionsexemplar aus dem Verlag Harper Collins zum ersten mal in den Händen hielt, erwartete ich aufgrund der Beschreibung eine tiefgründige Story über Menschen, die sich der Liebe aussetzen, sich dadurch verletzlich machen und alles riskieren, was ihnen sonst noch im Leben wichtig ist. In den letzten Tagen habe ich mich intensiv mit den Figuren auseinandergesetzt und war positiv überrascht vom flüssigen und sehr fesselnden Schreibstil, der Lust auf mehr macht und mich wirklich hoffen lässt, dass die Autorin sehr bald ein weiteres Buch schreibt, das inhaltlich überzeugt. Denn da waren Anklänge von Feinsinn, von grossem Verständnis der menschlichen Gefühle, von Einfallsreichtum. Nur leider war das zu wenig ausgereift. Zu oberflächlich war mir die Handlung, zu unreflektiert blieben die Charaktere und ihre jeweiligen Rollen in der Geschichte. Und das Ende dieses Buches, das hat mich dann einfach nur noch enttäuscht. Und ohne gross etwas zu verraten möchte ich doch sagen, dass die Geschichte insgesamt vielleicht besser bei mir abgeschnitten hätte, wenn sie mit einem bissigeren Humor ausgestattet worden und mit einem pastellpinken Cover, und einem gewissen Hang zum seichten Liebesroman vermarktet worden wäre.

Handlung und Schreibstil:
Das Buch weckt Sehnsüchte. Sehnsüchte nach der grossen Liebe, nach dem überwältigenden Gefühl, das einen nicht mehr atmen, nicht mehr klar denken lässt. Das einen alles vergessen lässt. Und genau hier beginnt das Problem: Untreue, Lügen und der Missbrauch des Vertrauens so vieler Menschen - gepaart mit einer grossen Portion Naivität und Egoismus - lassen dieses Buch flach wirken. Es ist alles irgendwie zu einfach gestrickt, die schwerwiegenden Folgen gewisser Fehltritte lassen zu lange auf sich warten und die Akteure Kate und Callum (vor allem aber Callum, dem man auch noch ein wenig Intelligenz zutrauen könnte) handeln zu unreflektiert und inkonsequent.
Callums Frau Belinda aber hat mir als Figur sehr gut gefallen. Obwohl man auch aus ihr noch wesentlich mehr hätte machen können, war sie die einzige Person, die nahezu "fertig" wirkte, während die anderen Figuren komplett austauschbar und oberflächlich blieben.
Leider kann da auch ein Schreibstil, der wirklich seinesgleichen sucht, nicht mehr viel retten. Ich habe dieses Buch so gerne gelesen und trotzdem hat es mich so sehr genervt. Aus dieser Idee hätte viel mehr entstehen können und dies ist sehr, sehr schade. Es fehlt nämlich Tiefe, es fehlt ein Auge für die Details, es fehlen die angekündigten ganz grossen Gefühle, es fehlt so unendlich viel Schmerz und Leid und das Flehen um Erlösung und Vergebung. Und das tut mir wirklich einfach nur leid, denn da ist noch dieses Ende...und dieses Ende, das rettet dann leider wirklich gar nichts mehr.

Mein Fazit:
Vorhersehbare Handlungen, einfallslose Wendungen und Figuren, die an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten sind, lassen mich mit einem unguten Gefühl zurück. Was im Chaos enden sollte, in der Zerstörung von Familien und Freundschaften, löst sich dann aber so unrealistisch auf, dass "Alles begehren" jegliche Glaubwürdigkeit verliert. Und trotz flüssigem und mitreissendem Schreibstil, trotz Belinda, die mir wirklich sehr gut gefallen hat, bleibt am Ende noch mehr Sehnsucht übrig: die Sehnsucht nach Tiefgang, Ehrlichkeit und einer überzeugenden Handlung.

Zusätzliche Infos:
Titel: Alles begehren
Originaltitel: Never Greener
Autorin: Ruth Jones, geboren 1966 in Bridgend, Südwales, ist eine walisische Schauspielerin und Drehbuchautorin. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Cardiff. »Alles Begehren« ist ihr Debütroman. 
Fester Einband mit Schutzumschlag (Leseexemplar): 480 Seiten 
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Julia Walther
Erscheinungstag: Mi, 02.05.2018
ISBN: 9783959672023