Rezension: Naokos Lächeln

 
Naokos Lächeln - Haruki Murakami

Beschreibung des Verlages:
Nur eine Liebesgeschichte
Tokio in den späten 60er Jahren: Während sich auf der ganzen Welt die Studenten versammeln, um das Establishment zu stürzen, gerät auch das private Leben von Toru Watanabe in Aufruhr. Mit seiner ersten Liebe Naoko verbindet ihn eine innige Seelenverwandtschaft, doch ihre Beziehung ist belastet durch den tragischen Selbstmord ihres gemeinsamen Freundes Kizuki. Als die temperamentvolle Midori in sein Leben tritt, die all das ist, was Naoko nicht sein kann, muss Watanabe sich zwischen Vergangenheit und Zukunft entscheiden … 

Meine Meinung:
"Naokos Lächeln" ist mein erstes Buch von Haruki Murakami. Und nachdem ich damals  beim Versuch, "Mister Aufziehvogel" zu lesen, wirklich nicht verstanden habe, was man an Murakami finden kann, habe ich wohl nun endlich die Antwort auf diese Frage gefunden.
Durch das, was ich vor meinem ersten Marukami-Versuch alles über Marukami gehört und gelesen hatte, stellte ich mir immer sehr anspruchsvolle, hochintellektuelle Bücher vor, die den Leser richtig fordern und auch eine grosse Portion Philosophie mit sich bringen. Als ich dann die ersten paar Seiten von "Mister Aufziehvogel" gelesen hatte, war ich total gelangweilt. Mir fehlte der Anspruch, ich wusste nicht, was daran jetzt speziell oder besonders herausfordernd sein sollte und liess das Buch pausieren. In der Zwischenzeit hörte ich von so vielen Menschen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie überhaupt lesen und denen ich deshalb nicht unbedingt wirklich anspruchsvolle Bücher zugetraut hätte, dass Marukami ihr Lieblingsautor sei. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte das alles sein? Ich wagte einen neuen Versuch. Mit "Naokos Lächeln" erging es mir anfangs ähnlich wie mit dem "Aufziehvogel". Ich suchte und suchte. Was sollte da die Idee sein? Der Anspruch? Die Anforderung? Die Philosophie?
Und dann kam der Aha-Moment: ich hörte auf, zu suchen. Und ich fand. Aber überhaupt rein gar nicht das, was ich erwartet hatte. Marukamis Sprache ist nämlich ganz schlicht, ganz einfach und somit sehr leicht verständlich. Da ist aber eine beeindruckende Schönheit in dieser Einfachheit und eine flüchtige und unfassbar zerbrechliche Poesie. Da sind in der Handlung Liebe, Freundschaft, Verlust, Angst und der Schritt ins Erwachsenenleben, das Erwachsenwerden an sich, Musik, das Studentenleben und die vielen sehr intimen Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten, vor allem auch in die alltäglichsten Dinge des Lebens, welche diesen Stil einzigartig machen. Und plötzlich flog ich nur so durch die Seiten. Und trotz einiger Längen wurde mir plötzlich klar, was man an diesem Stil finden kann, an diesem Aufbau einer Handlung, an diesen so aussergewöhnlichen Figuren mit Ecken und Kanten und einer eigentlich so tragischen Geschichte, die aber trotzdem Hoffnung macht. 

Schreibstil und Handlung:
Dieses Buch ist nicht laut, schrill und herausfordernd. Es ist leise, sinnlich und ich fühlte mich sehr wohl mit diesem Stil, den ich erst nach einigen Seiten nachvollziehen und akzeptieren konnte. Unglaublich, wie lange ich im Dunkeln getappt, wie sehr ich von anderen Meinungen und Beschreibungen und Empfehlungen in eine ganz schräge Richtung gelenkt worden bin. Versteht mich nicht falsch, keinesfalls ist dieses Buch oberflächlich oder simpel, ganz im Gegenteil: es ist von einer zarten Leichtigkeit, beinhaltet aber eine berührende und tragische Handlung, ganz viel Liebe, Sehnsucht und Schmerz und einfach so unendlich viel Menschlichkeit, Alltag und Alltäglichkeit, dass man sich immer wieder darin finden und verlieben muss. Aber es ist weder kompliziert, noch in irgendeiner Form schwer verständlich. Auf jeden Fall wird der Leser dennoch gefordert und zwar auf einer emotionalen Ebene, die tiefberührend wirkt. Genau diese Balance zwischen menschlichen Abgründen, die aber schimmernd leicht und trotzdem auf eine ganz schwer zu beschreibende Art eindringlich erzählt und äusserst detailliert geschildert werden, machen die hohe Kunst Murakamis aus, der sein Handwerk zweifelsohne perfekt beherrscht und dessen Sprache und Themenwahl sich auch deutlich von der Masse abheben.

Meine Empfehlung:
Ihr seht, da bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Passend zum Buch, passend zum Thema war sie kompliziert und führte mich erst über Umwegen dazu, mich noch einmal auf einer ganz neuen Ebene auf ein Buch, eine Sprache, auf Murakami einzulassen. Und ich wurde überzeugt und in eine spirituelle Welt entführt, die bittersüssen Schmerz, Enttäuschungen, ganz viel Liebe, Freundschaft und die leise Ahnung einer übersinnlichen Wahrheit für mich beinhaltete und genau davon werde ich in weiteren Büchern von Murakami sicher noch einiges antreffen und freue mich schon sehr darauf. 

Zusätzliche Infos:
Titel: Naokos Lächeln
Originaltitel: Noruwei no mori
Autor: Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, ist der international gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Roman "Gefährliche Geliebte" entzweite das Literarische Quartett, mit "Mister Aufziehvogel" schrieb er das Kultbuch seiner Generation. Ferner hat er die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.
Taschenbuch, Broschur: 416 Seiten
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Japanisch
Übersetzt von: Ursula Gräfe
Verlag: btb
Erschienen: 01.02.2003
ISBN: 978-3-442-73050-6 

Kommentare:

  1. Hey Livia,
    deine Rezension ist toll, deine Beschreibungen gefallen mir!
    Ich dachte auch immer Murakami wäre anspruchsvoll und gehört zur gehobenen Literatur, die man nicht nur zur Unterhaltung liest. Aber deine Rezi belehrt mich eines besseren und ich werde doch auch mal zu einem seiner Bücher greifen.
    lg, Tine :)

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    1. Liebe Tine

      Herzlichen Dank für deine lieben Worte.
      Ich denke, dass Murakami wirklich sehr leicht verständlich schreibt und dass man sich lediglich ein wenig auf seine Figuren und seine Sprache einlassen muss. Probier es gerne aus :-)

      Alles Liebe
      Livia

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